Was das Zeugnis uns nicht zeigt

Veröffentlicht am 18. Juni 2026 um 13:28

Zwischen Noten und Nervenzusammenbruch 

Vor ihr liegt das Zeugnis noch umgedreht auf dem Tisch. Während sie auf ihre Freunde wartet, damit sie ihre Zeugnisse gemeinsam anschauen können, merkt sie, wie langsam Panik in ihr aufsteigt.  

Hoffentlich habe ich in Englisch noch die Vier bekommen …, denkt sie sich. 

Aber in Mathe habe ich ja noch die Zwei geschafft … oh nein, ich glaube, in Bio habe ich eine Fünf. Das muss ich irgendwie ausgleichen …, fährt es ihr durch den Kopf. 
 
Sie atmet tief ein und wieder aus, versucht, sich zu beruhigen. Gleichzeitig denkt sie an ihre Eltern, die zu Hause auf das Zeugnis warten. 

Hoffentlich sind sie nicht enttäuscht. 
Hoffentlich sind sie stolz. 
Immerhin habe ich dieses Jahr wirklich viel gelernt. 

 

 In den Fluren und Klassenzimmern einer Schule passiert viel mehr, als ein Zeugnis zeigen kann. Da sind die ständigen Wiederholungen, um ein Thema endlich zu verstehen. Die Freude, wenn es endlich gelingt, und die Enttäuschung, wenn es einfach nicht funktionieren will. 
Die Aufregung vor den Wettkämpfen gegen andere Schulen oder vor der Physikolympiade. Der Moment, wenn man in Mathe die richtige Lösung raushat. Die leichte Nervosität vor einer Klassenarbeit, auf die man sich ewig vorbereitet hat. Die Klassenfahrten, bei denen immer einer mit einem viel zu großen Koffer ankommt. Die ewige Frage „Wer hat einen Leim mit?“, wenn man in Bio eine Abbildung aufkleben muss. Die Kreativaufgabe, welche man in Gruppenarbeit mit seinen Freunden machen kann, und die Motivation, wenn man mit seinem Lieblingslehrer Unterricht hat. 

 Aber da sind auch die leisen Selbstgespräche: Hoffentlich reicht es … ich darf nicht durchfallen. Der Ärger, wenn ein halber Punkt zur Vier fehlt oder einem im Test plötzlich die Vokabeln nicht mehr einfallen. Die Verzweiflung, wenn man stundenlange Arbeit in ein Plakat steckt und sich diese Mühe am Ende doch nicht auszahlt. Oder die Müdigkeit, die einen den ganzen Tag begleitet, weil man die Nacht zum Lernen genutzt hat. Die Angst, in Geschichte mündlich abgefragt zu werden. Und die Peinlichkeit, die an einem haftet, wenn man selbst beim zehnten Hochsprungversuch die Latte herunterreißt. 

 

Das alles können Formen von Stress sein. Ein Stress, den man von außen leicht übersieht, der aber dennoch immer präsent ist. 

Denn für viele Schüler und Schülerinnen gehört Stress zum Alltag.  
Dabei ist wichtig, in Eustress (motivierend) und Distress (belastend) zu unterscheiden.  

Während Stress kurzeitig und im gesunden Maß zu Höchstleistungen führen kann, entsteht Distress durch Überforderung, Überlastung oder durch unvorhergesehene Ereignisse. Über längere Zeit kann diese Art von Stress krankmachen. Dahingegen geht Eustress oft mit positiven Ereignissen einher, wie die Aufregung vor einem wichtigen Theaterauftritt oder die Glücksgefühle vor dem ersten Date.  

 Die Auslöser für Distress bei Schülern sind jedoch super individuell. Beispielsweise kann dieser vor Klassenarbeiten und Noten entstehen. Häufig wird er aber auch durch ein zu hohes Arbeitspensum ausgelöst, durch anspruchsvolle oder sehr leistungsorientierte Eltern, durch Angst vor Prüfungen oder vor bestimmten Lehrkräften. Auch Mobbing, Konflikte mit Mitschülern oder Lehrern können erheblichen Druck erzeugen. 

Ebenso kann das eigene Gefühl, „nicht gut genug“ zu sein oder Lerninhalte einfach nicht zu verstehen, können ein Stressauslöser darstellen.  

 Studien zeigen, dass sich ein großer Teil der Jugendlichen, besonders Mädchen, regelmäßig gestresst fühlt. Dabei steigt das Stresslevel oft mit höheren Klassenstufen. Insbesondere vor dem Abitur, wenn Lernpensum und Leistungsdruck nochmals zunehmen. 
Hinzu kommen gesellschaftliche Themen wie Krieg oder Umweltschutz, die viele Jugendliche beschäftigen. Auch private Sorgen spielen eine große Rolle: finanzielle Probleme in der Familie, Zukunftsängste oder die Befürchtung, den eigenen oder fremden Erwartungen nicht zu genügen. 

 Wenn Schülerinnen und Schüler über längere Zeit diesem Stress ausgesetzt sind, kann das sowohl psychische als auch körperliche Beschwerden verursachen. Häufige Symptome sind Kopf- und Bauchschmerzen oder Übelkeit. Auch Schlafmangel sowie Essstörungen (zu viel oder zu wenig Essen) können Folgen sein. Viele Betroffene leiden unter Angst, Nervosität oder Gereiztheit. 

 Oft zeigen sich zusätzlich Veränderungen im Verhalten: Rückzug aus dem sozialen Umfeld, ein vermindertes Selbstwertgefühl, Schlafprobleme oder Albträume. Nicht selten verschlechtern sich auch die schulischen Leistungen aufgrund von Konzentrations- und Aufmerksamkeitsproblemen.  
Die Frustration über schlechtere Noten verstärkt wiederum den Druck und man kann leicht in eine negative Spirale rutschen. 

 So hat oder tendiert jeder fünfte Schüler zu psychischen Problemen.  

Es ist also kein Einzelfall, sondern ein Problem, was mindestens ein Viertel aller Schüler betrifft. 

Gerade deshalb ist es wichtig, dass Schüler, Eltern und Lehrkräfte hinschauen, zuhören und gemeinsam Wege finden, um mit dem Stress besser umzugehen, auch um das tiefere Rutschen in eine Negativspirale zu verhindern.  

 

Der Schulsozialarbeiter unserer Schule – Herr Göbert – empfiehlt dabei zunächst, seine Gedanken zu ordnen und zu schauen, woher der Stress komme.  
Auch hilft es zu schauen, ob der Stress durch einen selbst (und somit durch die eigenen Erwartungen) oder durch zu viele Verpflichtungen und Konflikte entsteht. 

„Grundsätzlich helfen klare Abläufe, Sport, soziale Beziehungen, Hobbys und bewusste Entspannung“, erklärt er. „Was ihr wahrscheinlich nicht so gern hört: Hoher Medienkonsum und wenig Schlaf sind nicht gut für eine stabile Stressbewältigung.“ 

Die American Academy of Sleep Medicine (AASM) empfiehlt dabei acht bis zehn Stunden Schlaf für Teenager im Alter zwischen 13 und 17 Jahren. 

Laut Herrn Göbert könnten auch schon das Rausgehen in der 15-Minuten-Pause und das bewusste Weglegen des Handys helfen. 

Zudem betonte Herr Göbert, dass alle Schülerinnen und Schüler jederzeit herzlich eingeladen seien, ein Einzelgespräch oder eine Beratung in Anspruch zu nehmen. Um beispielsweise mit Themen wie Stressbewältigung besser klar kommen zu könne. Um ein Termin zu vereinbaren, findet ihr die Kontaktdaten unserer zwei Schulsozialarbeiter im Schulhaus in den Glaskästen aushängen.  

Wichtig ist aber immer daran zu denken: Unsere Noten zeigen meist nur die halbe Wahrheit. Wir sind mehr als eine Fünf in Biologie oder eine Zwei in Mathe. Es ist wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass Noten nur Richtwerte sind und dass es weitaus wichtigere Dinge gibt, die uns ausmachen. 

Die Anstrengung eines Menschen, wie viel er gibt und leistet, lässt sich häufig nicht anhand einer Notentabelle messen. Oft steckt sie in den kleinen Momenten, die niemand wirklich sieht: die Schweißperlen beim Ausdauerlauf, die liebevollen Details in einem Kunstprojekt, der Rechenweg in Mathe, der endlich richtig ist. Die unzähligen Versuche, die französische Grammatik zu verstehen, der endlose Duolingo-Streak oder die lateinischen Deklinationen, die man mittlerweile im Schlaf aufsagen kann. 

Wichtig ist nicht die Eins auf dem Zeugnis, sondern dass wir über das Schuljahr hinweg unser Bestes gegeben haben. Vielleicht hast du dich in einer AG angemeldet. Vielleicht machst du deine Hausaufgaben inzwischen nicht mehr kurz vor der Stunde, sondern in Ruhe zu Hause. Auch das sind Fortschritte. Auch das sind Erfolge. 

Und trotzdem: Wir sind auch einfach Jugendliche. Also leg am Wochenende ruhig einmal die Schulsachen beiseite und triff dich mit deinen Freunden. Die Sommerferien sind perfekt für Fahrradtouren, ein Picknick an der Kober, selbstgemachtes Eis, einen Tag im Freibad oder ein Tag im Freizeitpark. 

Wir sind nur einmal jung. Diese Zeit kommt nicht zurück. Deshalb sollten wir sie genießen, bevor wir irgendwann erwachsen sind und dem „Ernst des Lebens“ gegenüberstehen. 

Denn am Ende zählt nicht nur, was auf dem Papier steht. Sondern wer wir geworden sind auf dem Weg dorthin. 

-Madlen (9/1) 

 

Quellen: 

https://www1.wdr.de/nachrichten/schulbarometer-schueler-kinder-jugendliche-psychische-probleme-100.html 

https://www.focus.de/finanzen/karriere/schlechte-noten-trotz-lernen-ursachen-was-eltern-und-schueler-tun-koennen_e9ceab2f-e2cc-4dbb-894a-562c253a78cd.html 

https://www.uni-bremen.de/universitaet/hochschulkommunikation-und-marketing/archiv/detailansicht/schlafmangel-stress-und-schulische-leistungen-bei-kindern-und-jugendlichen-1 

https://oberbergkliniken.de/artikel/schulstress-abbauen-symptome-auswirkungen-tipps 

https://www.who.int/europe/de/news/item/13-11-2024-rising-school-pressure-and-declining-family-support-especially-among-girls--finds-new-who-europe-report 

https://www.progesu.de/blog/eustress-distress 

https://www.netdoktor.de/psychologie/stress/distress-und-eustress/  


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